Magª Heike Podek in der Fratz & Co 02/2019 zum Thema: „Hilfe, es ist mir zu viel”

Markus ist 5 Jahre alt und im Kindergarten. Nicht nur, dass hier bereits Englisch und musikalische Früherziehung inbegriffen sind, hat er zusätzlich noch ein umfangreiches Nachmittagsprogramm zu absolvieren: dreimal wöchentlich Leistungssport, am Wochenende Wettbewerbe, Flötenunterricht und Schwimmkurs. Für Freunde oder freie Spielzeit bleibt da kaum Zeit.

Auch der 9 jährigen Anna geht es nicht anders. Nicht nur, dass sie in der Schule unter Leistungsdruck steht, sieht ihr Nachmittagsprogramm ganz ähnlich aus: Sport, Gitarrenunterricht und Nachhilfe – Hausaufgaben und Lernen sowieso. Die wenige Zeit, die ihr bleibt, verbringt sie an ihrem neuen Handy.

Zeitpläne wie diese, sind für viele Kinder zum Alltag geworden und bedeuten bereits in frühen Jahren puren Stress. Dabei beginnt der Leistungsdruck auf unsere Kinder oft bereits direkt nach der Geburt. Kaum ist das Baby auf der Welt, kommen die neugierigen Fragen von Außen: Klappt es eh mit dem Stillen, nimmt es ausreichend zu? Schläft es eigentlich schon durch? Kann sie denn schon sitzen? Was??? er läuft noch immer nicht?

Es gibt Vorstellungen und Tabellen, was ein Baby in welchem Alter können sollte und die Eltern betrachten kritisch, ob sich ihre Kinder dort einfügen lassen. Teilweise lassen sich regelrechte Wettbewerbe unter den Müttern beobachten.

Kaum ein Elternteil kann sich davon frei machen, sein Kind optimal auf seine Zukunft vorbereiten zu wollen. Anstatt sich darüber zu freuen, was das Kind bereits kann, wird ständig auf den nächsten Entwicklungsschritt, die nächste Fähigkeit gewartet, die die Kleinen erwerben. Eltern vergleichen ihre Kinder und schauen im Internet, wie sie ihre Kinder noch besser und schneller machen können. Bei Bedarf wird den Kindern gleich geholfen, unterstützt und „gefördert“. Gerne werden Babys dabei unterstützt, sich auf den Bauch zu drehen oder sich hinzusetzen, noch bevor sie selbst dazu in der Lage sind, damit sie die Hände frei haben zum Spielen und nicht länger frustriert weinen müssen, weil sie merken, dass sie das Sitzen noch nicht alleine schaffen. Darüber hinaus suchen wir nach Babykursen, die unsere Kinder optimal in ihrer Sprachförderung, Motorik und Entwicklung unterstützen.


Im  Kindergarten wird weiter darauf geschaut, was das Kind schon jetzt alles für die Schule und sein späteres Leben an Fähigkeiten erwerben muss. Da wird die korrekte Stiftehaltung, das selbständige An-und Ausziehen und Schnürsenkel binden trainiert. Auch eine Fremdsprache, ein Instrument und die ersten Schritte in Richtung Lesen, Schreiben und Rechnen werden vermittelt.

Und auch im Schulalter sind es häufig die Eltern, die zu hohe Ansprüche an ihre Kinder stellen. Aus Sorge um die Zukunftschancen der Kinder setzten immer mehr Eltern den Nachwuchs einem ungeheuren Leistungsdruck aus. Da werden Kinder bereits vor der eigentlichen Schulreife eingeschult, Hausübungen am Wochenende und Ferienblöcke eingefordert, damit die Kinder sich ausreichend Wissen aneignen können.

Für die Kinder aber ist nicht der Leistungsdruck selbst das Schlimmste, sondern ihr eigener Wunsch, es den Eltern und Lehrern recht zu machen, sie glücklich zu machen, indem sie ihre Forderungen erfüllen wollen.

Auswirkungen von Leistungsdruck

Laut einer deutschen Studie der Universität Bielefeld leidet jedes 6 Kind unter massiven Stress. Diese Kinder stammen nicht aus „schwierigen“ Familienverhältnissen, sondern aus der ganz „normalen“ Mittelschicht. Ihre Eltern kümmern sich und machen sich viele Gedanken über ihre Entwicklung und die Kinder werden scheinbar über alles geliebt.  Trotzdem fühlen sie sich nicht gut…

Die Kinder wachsen mit dem permanenten Gefühl auf, nicht zu genügen: in der Konzentration, beim Sport, in der Schule, bei, Lernen und zu Hause.

Natürlich äußern sie dies nicht verbal, wie wir Erwachsenen und sagen etwas wie: „Mama, heute bin ich aber gestresst“, sondern werden auffällig durch körperliche oder psychische Beschwerden. Symptome des Stresses und Leistungsdrucks zeigen sich in Form von  Wutanfällen, Einschlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, Erschöpfung, Müdigkeit, Kopf- und/oder Bauchweh – alles Anzeichen, die auch bei einem klassischen Burnout auftreten. Das Fatale ist: Die Eltern bemerken den Zustand ihrer Kinder häufig gar nicht und führen die Symptome ihrer Kinder auf andere Ursachen zurück. Laut Studie sorgen sich 40% dieser Eltern eher im Gegenteil darum, dass sie ihr Kind nicht genug fördern.

Das Gegenteil aber ist der Fall: Eltern und PädagogInnen verlangen zu viel von unseren Kindern, anstatt Rücksicht zu nehmen auf deren eigenes und individuelles Tempo.

Prof. Dr. Gerald Hüther, einer der bekanntesten Hirnforscher aktuell zeigt sich über die aktuelle Entwicklung mehr als entsetzt: „Man kann Kinder durch Druck zwingen, sich bestimmtes Wissen anzueignen, aber man zerstört dadurch genau das, worauf es beim Lernen ankommt: eigene Entdeckerfreude und Gestaltungslust. Durch Fördermaßnahmen, die die Lernprozesse noch zusätzlich vorantreiben sollen, bleibt dem Kind, so der Hirnforscher, gar keine Ruhe mehr etwas aus eigenem Antrieb zu leisten. Kinder brauchen Zeit und Raum zum eigenen Entdecken und Gestalten – das geschieht zum Beispiel beim Spielen!“

Zunehmend bedürfen bereits Kinder in der Volksschule therapeutische Unterstützung

Wenn wir den Selbstwert eines Menschen an seine Leistung knüpfen dann vermitteln wie dem Menschen: Du bist nur wertvoll, wenn du viel leistest.

Was können Eltern tun?

Unsere Kinder haben ein Recht auf eine glückliche und unbeschwerte Kindheit. Alles, was die Beziehung zum Kind stört ist falsch. Statt also unsere Kinder nur aufgrund ihrer Leistung zu bewerten, sollten wir sie bedingungslos lieben und unterstützen, ohne Druck und Stress. Das beinhaltet auch, die Persönlichkeit des Kindes so anzunehmen, wie sie ist. Das ist es, was Kinder selbstbewusst macht, wenn sie merken, sie werden so akzeptiert und geliebt, wie sie sind und nicht für das was sie können oder tun.

Zeit für Freiraum

Zunächst einmal sollten Eltern sich kritisch, aber ohne eigene Schuldzuweisung den Terminkalender ihres Kindes anschauen. Nehmen sie alle Termine unter die Lupe und schaffen sie Zeit für Freiraum!

Übertragen sie ruhig ihrem Kind die Verantwortung seine freie Zeit selbst zu gestalten, und zwar mir Dingen, die ihm Spaß machen. Und sollte ihr Kind über Langeweile klagen, verzichten sie darauf, irgendetwas vorzuschlagen und es mit Ideen zu überhäufen, sondern muten sie ihm die Langeweile zu und lassen sie sich überraschen, welche Bewältigungsstrategie ihr Kind wählen wird.

Raus in die Natur

Gehen sie mit ihrem Kind raus in die Natur und geben sie dem Entdeckerdrang Raum zur Selbstentfaltung und zur Verarbeitung von Lerninhalten.  Durch ausreichende körperliche Bewegung wird das Immunsystem gestärkt und die körperliche, geistige und seelische Gesundheit unsere Kinder wird unterstützt.

Die selbständige Auseinandersetzung mit der Umgebung und sich selbst, führt dazu, dass Kinder die Erfahrung machen, selbst etwas zu bewirken und ihre Grenzen kennen zu lernen. Darüber hinaus wird im freien Spiel in der Natur die Kreativität auf natürliche Art und Weise gefördert, die Menschen hilft, sich auf wechselnde Gegebenheiten einzustellen, flexibel zu handeln und Veränderungen zu meistern.

Vertrauen ins Kind

Haben Sie Vertrauen in ihr Kind, dass es sich aus eigenem Antrieb entwickelt. Alle Kinder wollen lernen und die Welt erforschen. Gerade wenn wir kleine Kinder beobachten, können wir erkennen, mit was für einer Neugier sie allem Neuen begegnen, wie aufmerksam sie die vielen Dinge beobachten, innehalten, ausprobieren und solange weitermachen, bis sie zufrieden sind. Denken Sie allein an die Tatsache des Laufen Lernens. Aus eigenem Antrieb lernen Kinder trotz zahlreicher Frustrationserlebnisse, weil sie anfänglich immer wieder hinfallen, laufen. Sie stehen auf und machen solange weiter, bis es ihnen schließlich gelingt. Machen wir ihnen diesen inneren Antrieb nicht kaputt, indem wir uns ständig einmischen, sondern lassen wir sie tun und schenken ihnen das Vertrauen, dass sie ihren eigenen Weg in ihrem Tempo gehen.

Selbstbeurteilung stärken

Gerade in unserer Gesellschaft wird Leistung in der Regel von außen beurteilt. Die Mama und der Papa, die sagen, dass das Bild schön ist, dass das Kind schon toll klettern kann und die LehrerInnen, die mit Hilfe von Noten bewerten, wie gut unsere Kinder in der Schule sind.

Gerade diese Bewertungen aber erzeugen Druck und machen auf bestimmter Art und Weise abhängig – nämlich von der Meinung der anderen Menschen und ihrer Beurteilung.

Viel wichtiger ist es aber, dass das Kind lernt, sich selbst einzuschätzen. Anstatt also die Leistungen des Kindes, z.B. ein gemaltes Bild mit gut oder schlecht zu bewerten, kann ich mein Kind fragen: Wie findest du dein Bild? Und ich kann mich dann mit ihm auf ein echtes Gespräch einlassen. Natürlich können sie in diesem Zusammenhang auch ihre persönliche Meinung äußern, aber viel wichtiger ist es, ihr Kind darin zu unterstützen, sich selbst zu überlegen, ob es mit seinem Ergebnis zufrieden ist. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, wird die eigene Motivation es dazu antreiben, sich beim nächsten Mal mehr anzustrengen. Der Unterschied zu einer Bewertung von außen, wie einer schlechten Note, liegt darin, dass das Kind es dann für sich selbst tut. Auf diese Weise erhält es sich die Lust und Begeisterung, die für Lernen so unsagbar wichtig ist und die es als Erwachsener dabei unterstützt, ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen.

Zusammengefasst mein Tipp als Fachfrau: Gas raus, Beziehung rein! Gutes Gelingen!

Ich hoffe, Dir hat mein Artikel gefallen! Besonders ans Herz legen möchte ich Dir meine Artikel zu den Themen Wut und Aggression, Konflikte und Schulprobleme.

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Deine Heike

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