Magª Heike Podek in der Fratz & Co 04/2019 zum Thema: „Ethikunterricht für alle?”

Morgens 10:30 Uhr im Kaffeehaus – eine kleine Truppe von Oberstufenschülern genießt hier gerade ihre Freistunde bei einem Kaffee und einer Jause.
Wenn es nach unserer Regierung geht, wird es das ab Herbst 2020 nicht mehr geben, denn alle Schüler, die sich bislang vom konfessionellen Religionsunterricht abgemeldet haben und in dieser Zeit eine Freistunde hatten, sollen dann verpflichtend Ethikunterricht erhalten.

Was soll da denn eigentlich unterrichtet werden?

Ethik beschäftigt sich mit der Vermittlung von Wissen über Werte, Religionen und Weltanschauen, sowie philosophischen Fragestellungen. Darüber hinaus sollen Schüler aber auch angeregt werden, im Ethikunterricht über diese Dinge zu diskutieren, um so zu differenzierten Beurteilungs- und Handlungsmodellen zu gelangen. Dabei orientiert sich der Ethikunterricht an den Grund- und Menschenrechten, auf denen auch die österreichische Bundesverfassung und das Bildungswesen basieren.
Ganz konkret bedeutet das, dass mit Schülerinnen und Schülern über viele grundsätzliche Fragen und Verhaltensweisen des gesellschaftlichen Zusammenlebens diskutiert und reflektiert wird, wie z.B.: „Warum sollte man niemanden Gewalt antun?“ „Wie handle ich in bestimmten Situationen „richtig“?“ „Was ist Glück?“ „Wie kann ich Konflikte lösen?“ usw..

Ganz neu ist das Fach Ethik im Schulwesen nicht, denn bereits seit 1997 gibt es dieses Fach an 211 AHS Oberstufen bzw. berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) mit bislang positivem Feedback. Diskutiert wird nach wie vor über die Art und Weise und auch ab welchem Alter dieses Fach eingeführt werden soll.

Unabhängig davon, ob Ethik nun zukünftig als Ersatzfach für Religionsunterricht, als Wahlpflichtfach oder als Pflichtfach angeboten wird, ist kaum abzustreiten, dass interkulturelle Konflikte in unserer Gesellschaft zunehmen. Täglich lesen wir in den Nachrichten über teils heftige Konflikte, über Gewalttätigkeit bis hin zu Terroranschlägen.

Der Grund: Durch die Globalisierung agieren immer mehr unterschiedliche Kulturen miteinander – teils durch berufliche Interessen, teils durch das gemeinsame Zusammenleben in Dörfern und Städten. Die dadurch bedingte „neue“ Vielzahl von Lebensformen, Traditionen und Überzeugungen im Hinblick auf verschiedene Lebensbereiche, liefern eine große Wertevielfalt. Nicht nur Religion ist davon betroffen, sondern auch das Verhältnis zwischen den Generationen (Emanzipation) und Vorstellungen über zwischenmenschliche Beziehungen. War es früher in unserer christlichen Vorstellung vorgesehen, dass Mann und Frau zusammenleben und eine Familie gründen, in der sich der Mann um die Arbeit und die Frau um das Haus und die Kinder kümmert, sind heute Patchworkfamilien, in denen beide Eltern arbeiten und unterschiedliche religiöse Vorstellungen haben, an der Tagesordnung.

Auch Schulklassen, die früher gefüllt waren mit Schülern, deren Eltern ähnliche Vorstellungen und Werte hatten, haben sich heute sehr verändert. Kinder aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund und unterschiedlichen Traditionen und Wertvorstellungen sitzen gemeinsam in einem Klassenraum.

Werte von Anfang an

Alle diese Kinder wuchsen in einer bestimmten Gruppe bzw. Gesellschaftsschicht auf und lernten somit von Anfang an, deren Werte und Normen im Alltag kennen. Diese verfestigten sich nach und nach, so dass die Kinder bestimmtes Verhalten und/oder Einstellungen als richtig empfinden und auch ausüben. Dazu gehören z.B. bestimmte Höflichkeitsformen, wie eine Begrüßung und Verabschiedung oder auch Bitte und Danke sagen, traditionelle Feste, Feiertage, Respekt, Hilfsbereitschaft, Umgang mit Konflikten u.ä..

Neben diesen allgemeingültigen Werten aber hat auch jeder Mensch eigene, persönliche und individuelle Bedürfnisse. Und auch diese sollten erkannt, akzeptiert und berücksichtigt werden.

Der Einfluss der Familie

Da die meisten Kinder, die ersten Lebensjahre hauptsächlich in ihrer Kernfamilie verbringen, kommt dieser natürlich ein besonders hoher Stellenwert zu. Die Überzeugungen der Eltern und deren familiäre Werte beeinflussen das Kind und seine Persönlichkeitsentwicklung gleich von Anfang an. Da Kinder vorwiegend durch Nachahmung und Wiederholung lernen, übernehmen sie die Verhaltensweisen ihrer Eltern und lernen so auch den Umgang mit anderen Menschen. Leben ihnen also die Eltern Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Respekt vor und gehen auch mit ihrem eigenen Kind auf diese Art und Weise um, wird das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch anderen Menschen höflich, respektvoll und hilfsbereit begegnen.

Wertevermittlung in Kindergärten

Mit Eintritt in den Kindergarten wird das Kind Mitglied in einer neuen Gruppe und lernt auch die dort geltenden Werte und Regeln kennen. Diese werden in einigen Bereichen mit den zu Hause gelernten übereinstimmen, sich aber auch in einigen Punkten unterscheiden, d.h. das Kind erfährt, dass bei „Anderen“ andere Werte und Regeln gelten können. Klassische Themen sind „Teilen“ genauso wie Regeln beim „Essen“ oder „Aufräumen“.

Haben die Kinder bereits zu Hause gelernt, die Bedürfnisse anderer zu respektieren, werden sie sich schnell und problemlos in die Gruppe einfügen. Fehlt dem Kind dieses Verständnis noch und es versucht auf dem ihm bekannten Werten und Regeln zu beharren, kann es zu Schwierigkeiten kommen.

Der Einfluss durch Freunde und Umfeld

Mit zunehmendem Alter beginnt das Kind immer selbständiger zu werden, eigene Wege zu gehen und mehr Zeit mit seinen Freunden zu verbringen. Ihre Ansichten und Einstellungen fließen natürlich ebenso in die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ein und formen dessen Werteempfinden. Im Freundeskreis spielt nicht selten der Kleidungsstil, der Musikgeschmack, die Freizeitgestaltung und das Verhalten eine große Rolle – wer anders ist, wird häufig abgelehnt. Es geht also auch darum, soziale Anerkennung zu erhalten und dazuzugehören. Haben die Freunde andere Werte vermittelt bekommen, als man selbst, führt das spätestens im Teenageralter zu einem inneren Konflikt, mit dem sich der Jugendliche auseinandersetzen muss.

Die Rolle der Schule

Spätestens ab dem Schulalter verbringen die Kinder eine recht lange Zeit außerhalb der Familie, so dass der Einfluss der Schule bedeutend größer wird. Hier spielt sich der Alltag der Kinder gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, sowie Lehrerinnen und Lehrern ab. Hier bereiten sie sich auch auf ihr späteres Arbeitsleben vor, lernen den Umgang mit Frust und Druck, mit Konflikten unter Gleichaltrigen und „Vorgesetzten“, und auch mit einem vorgegebenen „gesellschaftlichen“ System.

Ab dem Schulalter ist auch die kognitive und emotionale Entwicklung soweit ausgereift, dass Kinder eigene Werte definieren und sich sprachlich so gut damit auseinandersetzen können, dass ein Austausch darüber gut möglich ist.  Kinder können ab ca. sechs Jahren in der Regel gut ausdrücken, was sie wollen und dies auch begründen, Sie sind darüber hinaus dazu in der Lage, sich ausreichend gut in das Gegenüber mit seinen Bedürfnissen hineinzuversetzen, so dass eine gemeinsame Reflexion darüber gelingt.

Und genau dort sollte Ethikunterricht in der Schule ansetzen.Lehrerinnen und Lehrer sollten an dieser Stelle mit ihren Schülerinnen und Schülern über die verschiedenen Bedürfnisse sprechen. Sie sollten ihnen einen Umgang mit Unterschiedlichkeit vorleben und anbieten, so dass sie früh in der Lage sind Toleranz und Akzeptanz von Andersartigkeit zu lernen.

Sie sollten sich Zeit nehmen, die Fragen der Kinder zu beantworten und gemeinsam mit ihnen darüber diskutieren, warum ein bestimmtes Verhalten in Ordnung oder nicht in Ordnung ist – welche Auswirkungen es hat, wenn man mit Menschen freundlich oder unfreundlich umgeht – wie man Konflikte angemessen und auf friedvolle Art und Weise lösen kann.

Auf diese Art und Weise können Kinder lernen, auch mit anderen Werten, Bedürfnissen und Ansichten respektvoll und friedlich umzugehen.

Alleine werden Lehrerinnen und Lehrer diese große Aufgabe, aber wohl kaum bewältigen können. Eine Unterstützung durch die Eltern und ein ständiger Austausch auch darüber, was den Eltern wichtig ist, ist dafür unabdingbar. Nur mit einer guten Kooperation zwischen Schule und Elternhaus kann es gelingen, unseren Kindern den Meta-Wert Toleranz, der für mehr Frieden zwischen den Menschen sorgen kann, näherzubringen.

Ich hoffe, Dir hat mein Artikel gefallen! Besonders ans Herz legen möchte ich Dir meine Artikel zu den Themen Wut und Aggression, Konflikte und Schulprobleme.

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Deine Heike