Magª Heike Podek in der All4family 05/2016 zum Thema: „Schlaf Kindlein, schlaf.”

„Es ist Abend und Mama Angelika freut sich auf Sofa. Schnell noch ihre Tochter Marie (2) ins Bett bringen und dann gehört der restliche Abend ihr allein. Sie wäscht Marie, zieht ihr den Schlafanzug an, sie lesen noch eine Gute Nacht Geschichte und sagen den Kuscheltieren gemeinsam „Gute Nacht“… aber trotz ihres täglichen Rituals will Marie einfach nicht einschlafen…“

„Luise kann sich bei der Arbeit kaum konzentrieren, weil sie so müde ist. Sie kann sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal durchgeschlafen hat, denn seit Marvin auf der Welt ist, wacht der Kleine jede Nacht mehrfach auf und will einfach nicht wieder einschlafen…“

Viele Eltern kennen das: Am Abend und in der Nacht entwickelt sich das sonst so tolle Leben mit Kindern zu einem Kampfplatz. Da spielen sich teilweise richtige Dramen ab: es wird gebrüllt, gebettelt und geweint. Eltern zweifeln an sich, streiten mit ihrer/ihrem PartnerIn, das Internet wird durchforstet, Bücher werden gekauft – und es geht immer um das gleiche Thema: Wie kriege ich mein Kind dazu, endlich einzuschlafen oder wie gelingt es mir, dass mein Kind endlich lernt, durchzuschlafen?

Der Schlaf

Schlafen, da sind wir uns alle einig, ist wichtig. Es dient der besseren Informationsverarbeitung und damit dem Lernen. Außerdem werden im Schlaf Reparaturarbeiten in den Körperzellen durchgeführt und das Immunsystem gestärkt.

In den ersten Lebenswochen von Babys scheint das Schlafen so einfach zu sein, denn das Neugeborene findet scheinbar in jeder Lebenslage in den Schlaf. Das ändert sich allerdings nach einiger Zeit und ab dann müssen die Bedingungen stimmen, denn Schlafen ist ein sehr komplexes Phänomen, bei dem wir in einen anderen Bewusstseinszustand wechseln.

Jede(r) vierte ÖsterreicherIn hat damit laut Forschungsergebnissen Schwierigkeiten und somit ein Schlafproblem.

Der deutsche Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor Dr. Herbert Renz Polster ermittelte drei wichtige Bedingungen, die für Kinder die Voraussetzungen fürs Schlafen bilden:

3 Zutaten fürs Einschlafen

1.) Müdigkeit:

Kinder, die nicht müde sind schlafen schlecht oder gar nicht ein. Und genau das ist laut der aktuellen Schlafforschung auch die Ursache Nummer 1 bei Schlafproblemen von Kindern: Die Kinder sind zu dem Zeitpunkt, zu dem sie niedergelegt werden, einfach nicht müde.

2.) Entspannung:

Der zweite wichtige Faktor, den Menschen brauchen, um leicht in den Schlaf zu finden, ist ein Zustand von Entspannung. Wie wir Erwachsenen wissen ist das nur leider nicht ganz so einfach, weil man Entspannung nicht erzwingen kann, oder hast du schon mal versucht, auf „Knopfdruck“ entspannt zu sein? Entspannung ist etwas, was sich optimalerweise ergeben muss. Bei Kindern passiert das genau dann, wenn ihre Bedürfnisse befriedigt sind, d.h. sie sind satt, warm und fühlen sich geborgen.

3.) Rhythmus:Kinder werden in Wellen müde – etwa alle 50 Minuten tritt ein kleines Kind tagsüber von einer aktiven Phase in eine ruhige Phase ein. Das Tor zum Schlaf öffnet sich, was häufig durch Gähnen, Augen reiben u.ä. sichtbar wird. Gelingt es dem Kind in dieser Phase nicht einzuschlafen, ist es innerhalb weniger Minuten wieder putzmunter und die nächsten 50 Minuten wird es schwierig, dein Kind zum Einschlafen zu bekommen.

Die Erfüllung dieser kindlichen Bedürfnisse setzt die Anwesenheit von Eltern voraus und fordert sogar ihr aktives Zutun!

Wie kann ich aber jetzt als Elternteil das Wissen um diese „Zutaten“ sinnvoll nutzen und mein Kind somit beim Ein-  und Durchschlafen unterstützen?

Alltagstaugliche Tipps:

Tipp 1: Einschlafbegleitung

Viele Eltern wünschen sich in etwa folgende Szene: „Sie bringen ihr Kind abends ins Bett, lesen im eine Geschichte vor, geben einen „Gute Nacht Kuss“ und verlassen das Zimmer. Das Kind schläft ruhig und zufrieden ein.“

Wenn das Einschlafen anders abläuft oder das Kind nicht alleine schlafen will oder kann, denken die Meisten, mit ihrem Kind sei etwas nicht in Ordnung oder es sei und sie müssten unbedingt etwas dagegen unternehmen. Dem ist nicht so. Kinder lernen Schlafen nicht genauso selbständig, wie sie Laufen lernen oder sauber werden, sondern brauchen die Unterstützung von liebevollen Begleitpersonen.

Wenn wir in unserer Geschichte zurückblicken galt alleine Schlafen, d.h. ohne Schutz von Erwachsenen, auch lange Zeit als lebensgefährlich und bedeutete zu 99% den sicheren Tod. Das erklärt auch, warum alleine Schlafen bis heute noch bei vielen Menschen mit einem Gefühl von Angst verbunden ist (und das ist nicht nur bei Kindern so).Bis vor einigen Jahren, wurden sogenannte Schlafprogramme propagiert, bei denen die Kinder für eine vorgeschrieben Zeit, die nach und nach gesteigert wurde allein gelassen wurden (auch wenn sie schrien und weinten), bis es ihnen schließlich gelang alleine in den Schlaf zu finden. Aktuellem Forschungsergebnissen zu Folge schädigen diese Programme Kinder nachweislich und fügen ihnen schwere Traumatisierungen zu.

Anstatt also ein Problem darin zu sehen, dass dein Kind nicht alleine einschlafen kann und sich täglich davon stressen zu lassen, überleg dir lieber die Einschlafsituation für euch beide so angenehm wie möglich zu gestalten. Bleib bei deinem Kind und lies ihm etwas vor, sing ein Schlaflied oder massier es vorm zu Bett gehen, so dass es sich entspannen kann.

Wenn ihr beide es mögt, kannst du dein Kind streicheln oder nur eine Hand auf den Rücken oder Bauch legen, so dass es deine Nähe spüren kann und sich sicher und geborgen fühlt. Für die meisten Kinder ist es übrigens kein Problem, wenn du nebenbei z.B. liest (so kannst du auch für dich die Zeit sinnvoll nutzen ;))

Tipp 2: Signale des Kindes wahrnehmen

Anstatt ganz fixe Rhythmen zu haben oder dein Kind nach Uhrzeit hinzulegen, versuch dich nach an den Signalen deines Kindes zu orientieren. Es zeigt die, wie oben beschrieben, etwa alle 50 Minuten ein Zeitfenster, wo es müde ist, indem es z.B. gähnt, sich die Augen reibt, die Bewegungen langsamer werden, es zu dir kuscheln kommt. Gibst du ihm jetzt die Gelegenheit zu schlafen, sparst du dir langwierige Einschlafrituale und Kämpfe.

Das mag vielleicht auf den ersten Blick schwierig klingen, diese Momente tatsächlich zu sehen und dann entsprechend zu reagieren, aber ich kann dir versichern, dass du mit ein bisschen Übung die Signale deines Kindes gut deuten kannst und seinen Rhythmus kennenlernst.

Tipp 3: Einschlafbedingungen berücksichtigen

Es gibt ein paar kleine Dinge, die du berücksichtigen kannst, damit sich dein Kind beim Einschlafen leichter tut:

  • Dazu gehört z.B. ein dunkles Zimmer. Ab Mitternacht beginnt die Melatoninausschüttung im Körper, die deinem Kind quasi den Schlaf- und Wachrhythmus einflüstert. Dementsprechend ist es sinnvoll, um diese Zeit auch alle Nachtlichter oder Einschlaflichter zu löschen.
  • Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist auch das Fernschauen oder Tablet spielen am Abend eher ungünstig, weil der hohe Blauanteil des Kunstlichtes in den Bildschirmen, die Melatoninausschüttung verzögert und der Körper sich somit nicht aufs Einschlafen vorbereiten kann.
  • Es macht zudem Sinn, das Schlafzimmer der Kinder vor dem Schlafengehen ordentlich zu lüften bzw. insgesamt weniger zu heizen als andere Räume. Unser Körper ist es gewohnt, dass überall auf der Welt die Temperatur in der Nacht um einige Grade runterkühlt und aus diesem Grund schlafen wir in einem kühlen Zimmer besser.

Tipp 4: Einschlafgewohnheiten/ -Rituale

Bezüglich der Einschlafgewohnheiten und/ oder Einschlafrituale sind zwei Dinge empfehlenswert:

Achte zum einen bei eurem Einschlafritual darauf, dass dein Kind sich entspannen kann und zur Ruhe kommt. Hier eigenen sich also vor allem die gängigen Sachen wie „Gute Nachtgeschichte vorlesen“ (immer die gleiche Geschichte bzw. Geschichten, die eher einen ruhigen Charakter haben, sind hier oft zielführender als spannende Abenteuer oder Gruselgeschichten), massieren, streicheln u.ä..

Zum anderen solltest du bei der Auswahl eures Abendrituals bedenken, dass ein Kind, was in der Nacht munter wird, in der Regel das gleiche „Programm“ erwartet, wie beim Einschlafen am Abend. Das tut es nicht, um irgendwen zu ärgern, Grenzen zu testen oder ähnliches, sondern weil ihm sein Ritual so gut hilft in den Schlaf zu finden und es einfach auf die gleiche Gewohnheit zurückgreift. Kuschelst du also vorm Einschlafen mit deinem Kind, sollte es die Möglichkeit haben, dass auch in der Nacht, wenn es wach wird zu bekommen.

Tipp 5: Behutsames Heranführen ans alleine Schlafen

Wichtig ist hier in erster Linie, dass das alleine Schlafen nicht als ein wichtiges anzustrebendes Ziel, im Sinne eines Entwicklungsschrittes, den ein Kind unbedingt machen muss, missverstanden werden sollte. Auch hat allein Schlafen nichts mit Selbständigkeit an sich zu tun, d.h. Kinder die nicht alleine einschlafen (können) sind trotzdem in der Lage, sich zu selbständigen Menschen zu entwickeln.

Wenn du es also magst, dein Kind beim Einschlafen zu begleiten, dann tu das bedenkenlos so lange es euch beiden Freude macht und ihr es als angenehm empfindet. Solltest du hingegen zunehmend genervt sein davon, dein Kind, wenn es schon größer ist, jeden Abend bei deinem Kind zu sitzen, solltest du dir etwas anderes überlegen, denn dein Kind spürt natürlich deine Unlust und Gereiztheit und findet so viel schwerer in die für den Schlaf notwendige Entspannung. Hier kann es dann helfen, wenn du dir z.B. von deinem Partner oder Oma/Opa Unterstützung holst. Mute deinem Kind zu, dass es auch mit anderen ihm nahestehenden Personen schlafen geht. Zusätzlich kannst du auch erklären, dass du einfach an ein paar Abenden auch ein bisschen Zeit für dich haben magst.

Nachdem das Ein- und Durchschlafen von Mensch zu Mensch und von Kind zu Kind sehr unterschiedliche sein kann, auch weil jeder ein individuelles Bedürfnis nach Sicherheit und Nähe hat, scheu dich nicht, dir bei Fragen oder Problemen fachliche Unterstützung zu suchen.

Ich hoffe, Dir hat mein Artikel gefallen! Besonders ans Herz legen möchte ich Dir meine Artikel zu den Themen Wut und Aggression, Konflikte und Schulprobleme.

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Deine Heike