Magª Heike Podek in der Fratz & Co 09/2016 zum Thema: „Wie man in den Wald hineinruft”

Die Kinder von heuten gelten teilweise als unerzogen und rücksichtslos. Sie widersprechen ihren Eltern, geben freche Antworten und weigern sich zu tun, was man ihnen sagt.

Einige Experten sprechen von einem Werteverlust, von unsicheren Eltern, die ihre Kinder zu sogenannten „Tyrannen“ erziehen.

Aber was ist dran an diesen Behauptungen? Sind uns wirklich Dinge wie Respekt, Rücksichtlosigkeit, Geduld und Höflichkeit abhanden gekommen?

Früher schien es ganz leicht, Kindern die oben genannten Werte zu vermitteln, weil sie als selbstverständlich galten. Viele wurden einfach von der Gesellschaft vor- und über die Generationen weitergegeben. Die Vermittlung selbst lief über Lob und Strafe – so war den Kindern schnell klar, was als „richtig“ und was als „falsch“ galt.

Heute erscheint das nicht mehr so einfach, denn diese allgemeingültigen Werte, die früher von allen gelebt und für „richtig“ empfunden wurden, wie z.B.: „Kinder brauchen Zucht und Ordnung“ haben sich in der heutigen Zeit aufgelöst. Es gibt nicht mehr die Werte, die für Kindererziehung wichtig sind, sondern jede Familie ist ein Stück weit auf sich allein gestellt und muss für sich entscheiden, was ihnen wichtig ist und was nicht. Das führt häufig dazu, dass Eltern verunsichert sind, weil sie einerseits auf den Einsatz von Angst und Macht verzichten wollen, trotzdem aber keine anderen Strategien haben , wie sie ihre Kinder sonst zu toleranten, sozial denkenden, umgänglichen und höflichen Menschen erziehen sollen.

Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi formulierte als erster sehr zutreffend, was das Wesentliche von Erziehung ausmacht: „Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts.“

In diesem Satz wird deutlich, dass Kinder Orientierung und Halt in erster Linie darin finden, dass sie sehen und erleben, wie ihre Bezugspersonen in bestimmten Situationen reagieren, was sie sagen und tun (oder eben nicht tun), wie sie jemanden behandeln und was sie konsumieren.

Kinder orientieren sich also maßgeblich am Vorbild

Kinder sind geborene Nachahmer, die von Geburt an beginnen, das Verhalten ihrer Bezugspersonen zu imitieren. Das macht Eltern zu Vorbildern. Durch das Vorleben ihrer Eltern lernen Kinder also auf einfache und natürliche Art und Weise Verhalten, Einstellungen und Gefühle. Und genau darin liegt eine große Chance für eine entspannte und erfolgreiche Erziehung.

In den ersten sieben Lebensjahren ist das Nachahmen die wichtigste kindliche Lernmethode und auch später behält das Lernen am Vorbild eine hohe Bedeutung. Eltern kommt bei dieser Art von Lernen eine besondere Rolle zu. Durch ihr Verhalten im Alltag und im Umgang mit ihrem Kind vermitteln sie ihm was es bedeutet geduldig zu sein, freundlich zu sein, sich an Regeln zu halten und Rücksicht zu nehmen. Im Idealfall brauchen Eltern dafür nicht besondere pädagogische Situationen zu inszenieren, sondern es passiert einfach nebenbei indem sich Eltern ganz „normal“ verhalten.

Heute stecken viele Kinder und Familien in Chaos und Verwirrung, weil ihre Eltern ihre Werte völlig unberechenbar und ohne offensichtlichen Grund ändern.

Vorbild sein durch Werte leben

Wie schon angedeutet, geht es bei der Vorbildfunktion gegenüber den Kindern nicht darum, sich in irgendeiner Art und Weise pädagogisch perfekt oder richtig zu verhalten, sondern einfach „authentisch“ zu sein und unsere Werte zu leben.

Werte sind vereinfacht gesagt, Verallgemeinerungen darüber, was uns wichtig ist. Sie hängen ursprünglich mit unseren Emotionen zusammen. Deshalb empfinden wir ein positives Gefühl und sind glücklich wenn unsere Werte erfüllt sind und sind unzufrieden und unglücklich wenn unsere Werte verletzt werden. Für ihre Werte wollen Menschen leben und eintreten.

Wir können unseren Kindern nur die Werte vermitteln, an die wir wirklich glauben und die wir auch leben. Alles andere wird über kurz oder lang scheitern. Ein Beispiel: Ich finde gesunde Ernährung wichtig und schränke mein Kind von daher beim Naschen ein, greife aber selbst mehrmals täglich zu Schokolade und Co. Meine Überzeugung scheint also nicht so felsenfest zu sein.

Auch wer seinen Kindern Ehrlichkeit predigt und sich selbst ständig mit Notlügen am Telefon aus der Affäre zieht, wird unglaubwürdig.

Einem Kind immer wieder zu erklären, wie schädlich Fernsehen ist und ihm aus diesem Grund die Lieblingsserie zu untersagen, wird wohl kaum funktionieren und ohne endlose Diskussionen ablaufen, wenn für mich nach dem Abendessen der alltägliche Gang zum Fernsehen normal ist.

3 Tipps, die dich dabei unterstützen, deine Kindern Werte zu vermitteln

Werte zu haben und sich ihrer bewusst zu sein ist wichtig für die Qualität der elterlichen Führung, zudem ist es eine gute Vorbeugung gegen hunderte bedeutungsloser Konflikte im alltäglichen Zusammenleben mit Kindern. Wenn du ein Bewusstsein für deine eigenen Werte entwickelst, wirst du eine Menge Zeit und Energie sparen. Du wirst zu einer glaubwürdigen Person und das wiederum wird deine persönliche Autorität stärken und es für deine Kinder einfacher und weniger verwirrend machen, zu dir in Beziehung zu treten.

Tipp 1: Finde heraus, was dir wichtig ist

Wenn du weißt, was dir im Leben wichtig ist weißt du auch deine Richtung für dein Leben und kannst diese authentisch und ohne Anstrengung und ständige Diskussionen an deine Kinder weitergeben.

Um deine persönlichen Werte zu finden, stell dir folgende Fragen:

Was ist mir in meinem Leben wichtig?

Worüber rege ich mich oft auf? (Welcher Wert wird also immer wieder missachtet?)

Wovon braucht die Welt mehr?

Wenn ich 3 Dinge in diesem Land ändern könnte, welche wären das? (Und welche Werte stecken hinter diesen Wünschen?)

Was sollten andere Menschen öfter tun? (Und welcher Wert steckt dahinter?)

Tipp 2: Hinterfrage deine übernommenen Werte

Unsere Werte, also das, was uns für unser Leben und die Erziehung unserer Kinder wichtig und richtig erscheint stammt aus unterschiedlichen Quellen, wie der Ursprungsfamilie, Religion, Politik, Psychologie, Lieblingslehrern und Mentoren uvm..

Überlege dir im zweiten Schritt woher du deine Werte hast. Welche Werte und Normen wurden uns von den Eltern mitgegeben? Welche wurden ausdrücklich formuliert, welche galten als selbstverständlich? Wurden sie wirklich praktiziert oder handelt es sich um Lippenbekenntnisse?

Im Anschluss daran kannst du entscheiden ob du sie behalten willst oder nicht. Erst wenn du weißt, was das für Werte sind und warum du sie hast, bist du dazu in der Lage, sie durch solche Werte zu ersetzen, die deinen Erwartungen und Ziele möglicherweise besser entsprechen.

Tipp 3: Integriere deine Werte in deinen Alltag

Wenn du dich so ausführlich mit deinen Werten beschäftigt hast, und dir darüber klar geworden bist, was dir im Leben wichtig ist und was nicht wird es ganz einfach sein, sie auch in deinen Alltag zu integrieren.

Wie oben schon beschrieben handeln wir Menschen nach dem, was uns wichtig ist und verhalten uns entsprechend. Verwenden wir nun noch eine persönliche Sprache, indem wir von uns in der ersten Person also als „Ich“ sprechen, werden wir für unsere Kinder sichtbar und sie ahmen uns nach.

Wenn du also z.B. erkannt hast, dass dir Sparsamkeit wichtig ist, solltest du nicht damit beginnen, das Taschengeld einzuschränken und Regeln aufzustellen, was davon gekauft werden darf und was nicht, sondern damit, das eigene Kaufverhalten zu beobachten.

Vergiss aber nie: Egal wie wichtig dir deine Werte sind, lasse sie nie wichtiger werden als die Menschen, die du liebst.

Ich hoffe, Dir hat mein Artikel gefallen! Besonders ans Herz legen möchte ich Dir meine Artikel zu den Themen Wut und Aggression, Konflikte und Schulprobleme.

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Deine Heike