Magª Heike Podek in der Fratz & Co 10/2018 zum Thema: „Strafe muss sein, oder?”

„Wenn du nicht aufhörst mit Sand zu schmeißen, gehen wir sofort nach Hause.“ – „Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, packe ich alles in einen Müllsack und schmeiße es weg.“ – „Wenn du deine Hausübung nicht machst, bekommst du eine Woche Fernsehverbot.“

So und ähnlich klingt es in vielen Familien, auf Spielplätzen und an anderen Orten, an denen Kinder und Erwachsene miteinander in Konflikt geraten. Zeigen Kinder hier sogenanntes „unerwünschtes“ oder „unangemessenes“ Verhalten, halten sie sich nicht an Regeln oder Grenzen, versuchen Eltern einzugreifen:  Zunächst meist durch Reden, Erklärungen und Bitten, irgendwann dann, indem sie ihren Kindern drohen… nicht um sie zu verletzen oder zu demütigen, sondern weil sie sie zu anständigen Menschen erziehen wollen – und dazu gehört es auch Kinder zu strafen!

Oder???

Was sind eigentlich Strafen?

Die Grundidee einer Strafe ist: Zeigt mein Kind ein Verhalten, welches ich als Elternteil für unangemessen halte, muss ich ihm beibringen, dieses in Zukunft zu unterlassen. Das erreiche ich entweder dadurch, dass ich ihm etwas „Unangenehmes“ zufüge oder etwas „Positives“ wegnehme – immer mit dem Ziel, das Verhalten in eine von mir gewünschte Richtung zu verändern. Mit Hilfe einer Strafe sollen Kinder also letztendlich lernen, sich in die Gemeinschaft einzufügen und Regeln und Grenzen zu akzeptieren. Außerdem sollen Strafen zur Einsicht, Abschreckung und letztlich zu einer Verbesserung des Verhaltens führen.

Geht es nach dem Gesetz, wachsen Kinder in Österreich gewaltfrei auf. 1989 wurde das „absolute Gewaltverbot“ in der Erziehung in der Verfassung verankert. Dennoch werden immer noch zu viele Kinder durch die „gesunde Watsch’n“ der Eltern sanktioniert.

Viel verbreiteter aber sind inzwischen Strafen in Form von Liebesentzug, ins Zimmer schicken, Verbote sämtlicher Art und sogenannte „logische“ Konsequenzen. Letztere versuchen einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten und der angekündigten Bestrafung (Konsequenz) herzustellen, wie z.B. „Wenn du nicht aufräumst, können wir am Nachmittag nicht auf den Spielplatz gehen.“

Nüchtern betrachtet besteht zwischen beiden aber kein Unterschied, denn sowohl bei Strafen, als auch bei logischen Konsequenzen missbrauchen Eltern ihre Macht und üben Kontrolle aus auf eine Art und Weise, die ihren Kindern Angst macht.

Strafen verletzten unsere Kinder und zerstören unsere Beziehung zu ihnen

Immer dann, wenn Kindern von ihren Eltern gedroht wird und/oder Strafen angewendet werden wird bei ihnen das Gefühl ausgelöst, abgelehnt und gedemütigt zu werden. Anstatt Vertrauen zu seinen engsten Bindungspersonen haben, erlebt es Angst und fühlt sich ungeliebt.

Trotzdem könnte man jetzt damit argumentieren, dass es in unserer Gesellschaft ja auch Strafen gibt, wie z.B. für zu schnelles Fahren, falsch Parken, stehlen u.ä. und Eltern somit ihre Kinder durch den Einsatz von Konsequenzen ja auch ein Stück weit auf das wirkliche Leben da draußen vorbereiten. Der Unterschied aber ist ein ganz Wesentlicher: zu dem Polizisten, der uns eine Strafe für zu schnelles Fahren aufbrummt, haben wir keine „Beziehung“ oder „Bindung“ und erst recht keine, die von Liebe und Vertrauen getragen wird. Und wenn wir ehrlich sind, ärgern wir uns auch meistens über den zugeschickten Strafzettel anstatt zu denken: „Ja, das war wirklich richtig, ich hätte halt langsamer fahren sollen und die Polizei meint es ja bloß gut mit mir.“

Strafen oder sogenannte Konsequenzen zerstören also eher die Beziehung und sind vor allem aus folgenden drei Punkten problematisch:

Vorbildfunktion

Als Eltern sind wir die ersten und stärksten Vorbilder für unsere Kinder. Sie orientieren sich an unserem Handeln und an dem wie wir es tun maßgeblich und ahmen uns nach. Durch das Einsetzen von Strafen und damit verbundener Macht leben wir ihnen vor, dass „Gewalt, Angst oder Unterdrückung“ eine angemessene Form ist, mit Konflikten umzugehen und Probleme zu lösen.

Wirksamkeit

Bei Kindern zwischen 1 und 5 Jahren funktioniert es noch recht gut, ihnen Angst zu machen und sie mit Strafen dazu zu bringen, erwünschtes Verhalten zu zeigen. Mit zunehmendem Alter jedoch wird es immer schwieriger, etwas ausreichend „Unangenehmes“ zu finden. Das ist neben wissenschaftlichen Studien auch die häufigste Erkenntnis von Eltern selbst – den Kindern wird es „egal“, wenn sie eine Konsequenz erhalten.

Darüber hinaus verringert der Einsatz von Strafen die Wahrscheinlichkeit massiv, dass Kinder darüber nachdenken, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf andere Menschen hat, da sie viel zu sehr mit ihrer Traurigkeit und Wut über die Strafe beschäftigt sind. Und genau das ist es ja, was wir uns wünschen: eine Einsicht und ein „daraus lernen“, was leider durch Strafen kaum erfolgen kann.

Beziehung

Letztlich können Kinder, die von ihren Eltern bestraft werden, diese kaum als liebevolle Führungspersonen erleben und annehmen. Gerade das ist für eine gesunde Entwicklung unserer Kinder aber besonders notwendig, weil es ihnen Schutz und Sicherheit garantiert, sich auszuprobieren und sich frei entwickelt zu können. Durch den Einsatz von dieser Art von Macht hingegen, erleben Kinder ihre Eltern eher als Menschen, denen man aus dem Weg gehen sollte.

Warum also nicht einfach den Spieß umdrehen und positives Verhalten verstärken, sprich belohnen, anstatt negatives zu bestrafen?

Das Konzept der Belohnung wird schon längere Zeit nicht nur in Familien, sondern auch in pädagogischen Einrichtungen, wie Kindergärten und Schulen praktiziert. Es beruht auf dem Prinzip der positiven Verstärkung. Durch den Einsatz von Belohnungen, wie Zuckerl‘n, Geld, Sternchen auf Listen o.ä. wird versucht, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ein gewünschtes Verhalten wiederholt auftritt. Beim Loben werden von den Nervenzellen im Belohnungszentrum des Gehirns das Glückshormon Dopamin, sowie körpereigene Opiate und Oxytocin ausgeschüttet – diese sorgen für Entspannung, Glücksgefühle und Lebensfreude….

ABER: sie machen auch „süchtig“!

Die Folgen sind: Kinder verlieren den Spaß an vielen Dingen und tun diese nur noch, um mehr Süßigkeiten, Sternchen oder Aufmerksamkeit zu bekommen. Und weil das Gehirn eine Sättigung erreicht, wollen sie auch hier immer mehr, und das bringt Eltern oft in verzwickte Lagen, denn auch wenn sich z.B. die Pickerl oder die Zeitschrift, die sie als Belohungn bekommen,  noch steigern lässt, wird es bei einem größeren Ausflug als Anreiz immer schwerer, etwas noch Attraktiveres zu finden.

Darüber hinaus schafft das Loben genau, wie die Bestrafung ein Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern, denn Eltern sind diejenigen, die entscheiden, was gewünscht und lobenswert ist – eine wirkliche Nähebeziehung kann so kaum entstehen.

Letztlich verlangt ein solches System logischerweise irgendwann dann doch nach Bestrafung, nämlich genau dann, wenn Belohnung nicht länger funktioniert – und führt dann zu einer „Zuckerbrot – und – Peitsche – Methode“.

Nicht strafen, nicht loben – was ist aber dann die Alternative?

Das Fatale daran, wenn Kinder für schlechtes Verhalten bestraft und für gutes gelobt werden, ist, dass die Beziehungsqualität zwischen Eltern und Kindern stark belastet wird. Beide Seiten sind nach einem Machtkampf unzufrieden und beide gehen eigentlich als Verlierer aus der Situation.


3 Tipps, wie du mit unerwünschtem Verhalten umgehen kannst, ohne die Beziehung zu deinem Kind zu belasten

  1. Elterliche Führung

Die große Befürchtung, wenn ich Eltern dazu ermuntere, ohne Lob und ohne Strafe zu erziehen, ist immer die, dass ihnen das Kind irgendwann auf der Nase rumtanzt und sie sich alles gefallen lassen müssen. Aber um das geht es in keinster Weise und wäre auch nicht im Sinne des Kindes. Kinder brauchen Eltern, die stark sind und die sie führen und anleiten – aber auf eine liebevolle und kindgerechte Art und Weise. Dafür ist es wichtig, sich als Eltern Zeit zu nehmen und zu überlegen: Was will ich und was will ich nicht? Was sind meine persönlichen Werte, Ziele und Grenzen? Diese müssen den Kindern dann natürlich auch klar mitgeteilt werden. Und natürlich darf auch die andere Seite nicht zu kurz kommen. Es gilt also ebenso herauszufinden: Was will mein Kind, was mag es und was mag es nicht? um es angemessen und kindgerecht begleiten zu können.

  • Vertrauen und Empathie

Kinder wollen mit uns Eltern kooperieren und zusammenarbeiten – immer. Wenn sie das trotzdem einmal nicht tun, macht es Sinn, sich auf die Suche nach dem Grund dafür zu machen. Manchmal sind diese Gründe nämlich ganz leicht zu finden. Da geht es z.B. darum, dass das Kind noch etwas fertig machen möchte, bevor es sich anzieht, um in den Kindergarten zu fahren oder noch mit etwas anderem beschäftigt ist, bevor es aufräumt. Also hören wir doch einfach mal auf, darauf zu bestehen, dass das was wir sagen, sofort gemacht werden muss, sondern fragen wir unser Kind mal, warum es das gerade nicht tun will. Lassen sie sich überraschen, wie oft sich Situationen entschärfen lassen, wenn wir unseren Kindern ein bisschen Vertrauen schenken und Vereinbarungen ausmachen.

Bei Kindern ab etwa 5 Jahren kann man allmählich beginnen, die Empathie, also das Einfühlungsvermögen zu aktivieren und zu stärken. In einem früheren Alter ist das Gehirn noch nicht so weit entwickelt, dass sich das Kind ausreichend in sein Gegenüber einfühlen kann. Anstatt zu strafen ist also viel hilfreicher, ihr Kind dabei zu unterstützen die Konfliktsituation aus Sicht des Anderen zu sehen und sich zu überlegen, wie es diesem wohl geht. Auf diese Weise entsteht Mitgefühl und das Kind wird sein Verhalten ändern, weil es versteht, nicht weil es Angst hat und entwickelt dabei gleichzeitig moralische Grundwerte.

  • Eltern Kind Gespräch auf Augenhöhe

Wenn es zu Konflikten kommt, weil Kinder unerwünschtes Verhalten zeigen oder nicht tun, was wir ihnen sagen, fühlen wir Eltern uns oftmals so ohnmächtig, dass wir unsere Machtposition ausspielen und versuchen unsere Kinder zu regulieren. Bei unserem Kind kommst dann allerdings die Botschaft an: „Ich vertraue nicht drauf, dass du dich angemessen verhältst, es sei denn ich bestrafe dich.“

Ich möchte Sie an dieser Stelle auf ein Gedankenexperiment einladen: Stellen Sie sich vor, sie kommen am Abend heim und ihr Partner/ ihre Partnerin hat sich nicht, wie vereinbart um das Abendessen gekümmert. Sie haben großen Hunger und ärgern sich – vielleicht zu Recht.

Wie reagieren sie nun? Drohen sie ihren Partner/ ihre Partnerin damit, dass er sie sicher am nächsten Tag nicht seinem/ ihrem Hobby nachgehen darf? – vermutlich zeichnet sich jetzt ein Grinsen auf ihrem Gesicht ab, denn selbstverständlich würden wir nicht auf die Idee kommen. Stattdessen würden sie ihren Ärger oder ihre Enttäuschung klar machen und nach einer Lösung suchen, wie sie die Situation jetzt retten können.

Warum also versuchen sie genau das nicht das nächste Mal auch bei ihrem Kind?

Sprechen sie mit ihm (und ja, das geht auch schon mit kleinen Kindern) und erklären sie in kurzen und klaren Sätzen, wie sie sich fühlen. Sagen sie, was sie wollen und warum und lassen sich auch ihr Kind formulieren, was es will. Dann suchen sie gemeinsam nach einer Lösung oder einem Kompromiss. Und dabei können sie darauf vertrauen, dass Kinder oftmals tolle und einfache Lösungsvorschläge bringen, weil sie mit uns und nicht gegen uns arbeiten wollen.

Ich hoffe, Dir hat mein Artikel gefallen! Besonders ans Herz legen möchte ich Dir meine Artikel zu den Themen Wut und Aggression, Konflikte und Schulprobleme.

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Deine Heike